Die
Spur des Geldes
(Der
Spiegel 21/05/01) -
Beat Balzli
Dubiose Banken wuschen Geld über geheime Konten der Luxemburger Firma
Clearstream. Das behauptet ein ehemaliger Mitarbeiter, die Staatsanwaltschaft
ermittelt.
Es waren zwei honorige Männer, die sich da trafen, beide auf dem Höhepunkt
ihrer Karriere: Als Vorsitzender der Luxemburger Edmond Israel Stiftung
durfte der Schweizer Bankier André Lussi im September 1997 Helmut Kohl
mit dem "Vision für Europa"-Preis ehren. Für des Kanzlers Beitrag zum
"Europäischen Haus" empfand Festredner Lussi damals "tiefste Wertschätzung".
Kohls Reputation ist heute schwer angeschlagen, den Schweizer Lussi
ereilte der Absturz am Dienstag vergangener Woche: Da flogen die Aufsichtsräte
seines Arbeitgebers Clearstream aus Finanzmetropolen wie London, Frankfurt
oder Zürich nach Luxemburg. Am Ende der außerordentlichen Sitzung war
Lussi als Vorstandsvorsitzender suspendiert. Seinen Vize schickten die
Vertreter der Hochfinanz mit in die Zwangsferien.
Einer der weltweit größten Wertpapierabwickler steht im Zentrum eines
Wirtschaftskrimis - und entsprechend alarmiert reagieren seine Eigentümer,
renommierte Bankgiganten wie Morgan Stanley, Dresdner Bank oder Deutsche
Bank.
Clearstream International entstand Anfang 2000 aus der Fusion von Cedel
und Deutsche Börse Clearing. Über mehr als 15 000 Verrechnungskonten
des Unternehmens werden jährlich rund 150 Millionen grenzüberschreitende
Transaktionen mit Aktien und Anleihen elektronisch abgewickelt.
Bereits seit Februar führen Staatsanwaltschaft und Polizei eine Voruntersuchung
gegen das Unternehmen, vor wenigen Tagen leitete die Luxemburger Justiz
ein gerichtliches Untersuchungsverfahren ein. Und auch das Bundeskriminalamt
in Wiesbaden interessiert sich inzwischen für den Fall.
Mit "Hinweisen auf mögliche strafrechtlich relevante Tatbestände" begründet
Justizsprecher Jean-Paul Frising die verschärfte Gangart. Die Fahnder
des Fürstentums wollen unter anderem prüfen, "ob über ein geheimes Kontensystem
Geldwäsche stattgefunden hat".
Genau das behauptet Ernest Backes. Der ehemalige Cedel-Manager und sein
kürzlich veröffentlichtes Buch "Révélation$" - zu Deutsch Enthüllung
- haben die ganze Affäre ins Rollen gebracht.
Beinahe jede internationale Finanztransaktion lasse sich, so Backes,
"über dieses System nachvollziehen". Alles - auch die elektronischen
Spuren der größten Finanzskandale - sei gespeichert auf Mikrofiche,
"zum Teil bei der Westdeutschen Landesbank in Luxemburg gelagert".
Sein Buch, das Bankiers gern als unseriöses Werk eines naiven Verschwörungstheoretikers
abtun, liest sich wie ein "Who is who" der Wirtschaftskriminellen. Ob
der sagenumwobene Zusammenbruch der ehemaligen Vatikanbank Ambrosiano
oder die angeblichen Verstrickungen der Bank of New York mit der Russenmafia:
Laut Backes lief vieles über Luxemburger Konten.
Tatsächlich hinterlässt jedes grenzüberschreitende Geschäft, das nicht
mittels Koffer voll Bargeld getätigt wird, Spuren in einer Clearingorganisation.
Deals mit Aktien laufen über Clearstream oder die Brüsseler Konkurrenz
Euroclear, reine Geldgeschäfte werden über Swift mit Sitz im belgischen
La Hulpe abgewickelt.
Die beteiligten Banken schicken die Kundenaufträge meist in anonymer
Form durch diese Zentralrechner - ein Paradies für Untersuchungsrichter,
welche die Spur des Geldes oft nur lückenhaft nachweisen können. Sind
Zeitpunkt und die benützten Clearingkonten bekannt, lassen sich die
Geschäfte rekonstruieren.
Selbst in der Schmiergeld-Affäre um Elf Aquitaine, so spekuliert Backes,
würde eine gezielte Suche in den Clearstream-Archiven eventuell Aufklärung
bringen. Seinen Recherchen zufolge liegt ein Teil der über Liechtenstein
verschobenen Elf-Millionen auf Tortola, Hauptinsel der British Virgin
Islands, mitten in der Karibik. "Studiert man die interne Kontenliste
von Clearstream aus dem Jahr 2000, findet man sechs Positionen von Firmen
mit Sitz auf den British Virgin Islands", erklärt er.
Doch Backes geht noch einen Schritt weiter. Er macht Clearstream den
Vorwurf, den Kunden neben offiziellen Konten auch Tausende geheimer
Positionen zur Verfügung zu stellen und so Geldwäsche aktiv zu unterstützen.
"Mit Aktiengeschäften über das Clearing waschen zum Beispiel Banken
aus dubiosen Offshore-Staaten das kriminelle Geld", behauptet der umtriebige
Privatfahnder.
Clearstream dementiert alle Vorwürfe und hat Backes sowie den Co-Autor
Denis Robert bereits vor Wochen wegen Verleumdung verklagt. Eine interne
Untersuchung, durchgeführt von den Wirtschaftsprüfern der KPMG und der
renommierten Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, lieferte
bis jetzt "keinen einzigen Anhaltspunkt", sagt ein Mitglied des Aufsichtsrats.
Carlos Zeyen, Geldwäsche-Experte bei der Luxemburger Staatsanwaltschaft,
sieht das ein bisschen anders. Er hat in den vergangenen Wochen ehemalige
und aktuelle Clearstream-Manager vernommen. Was Zeyen dabei zu hören
bekam, rückt das elektronische Gehirn des globalen Aktienhandels in
ein ziemlich schiefes Licht.
"Eventuelle Manipulationen von Kundenkonten", fasst der Staatsanwalt
den Verdacht vorsichtig zusammen. "Der Wahrheitsgehalt entsprechender
Zeugenaussagen" soll jetzt überprüft werden. Wenn es Konten gebe, die
nicht in den offiziellen Geschäftsbüchern enthalten sind, oder wenn
in der Vergangenheit Transaktionen mit kriminellen Geldern absichtlich
gelöscht worden seien, könne der Verdacht auf Geldwäsche entstehen,
sagt der Staatsanwalt.
Doch Clearstream kämpft in diesen Tagen nicht nur gegen den Verdacht
der Geldwäsche für dubiose Kunden. Die Luxemburger Ermittler bohren
noch an einer ganz anderen Stelle. Was Zeyen mit "eventuellen Manipulationen
von Eigenkonten" umschreibt, interessiert vor allem den Luxemburger
Fiskus. Denn die laufende Untersuchung soll auch klären, "ob im Zusammenhang
mit Gehaltszahlungen und Beiträgen an Pensionskassen Steuerbetrug stattgefunden
hat", bestätigt André Roelants, derzeit Interimschef von Clearstream.
Kein Wunder, dass auch der Personalchef seit Dienstag vergangener Woche
zu Hause bleiben muss. Interne Cedel-Papiere aus der Zeit vor der Fusion
mit der Deutschen Börse Clearing liefern Hinweise, dass Bonuszahlungen
an Clearstream-Mitarbeiter über das Steuerparadies Jersey im Ärmelkanal
geflossen sein könnten. Im Zentrum des von Wirtschaftsprüfern geplanten
Systems sollen ein "Jersey Employee Incentive Trust", ein "Rabbi Trust"
und die "Cedel International Resources Ltd." stehen. Gemäß internen
Dokumenten könnten mit der geheimen Kanalkasse Geschenke für die hauseigene
Elite finanziert worden sein - in Form von Aktien, Optionen oder Bargeld.
Angesichts solcher Dokumente liegt die Vermutung nahe, dass Cedel-Manager
jahrelang an der Steuer vorbei Schwarzgelder kassiert haben könnten.
Beweise dafür gibt es jedoch keine. Staatsanwalt Zeyen will die Ermittlungen
zum Thema Jersey "weder bestätigen noch dementieren". Und André Roelants
möchte sich "zum Thema Rabbi Trust nicht äußern". Er will zuerst die
Ergebnisse des Verfahrens abwarten.
Doch gleichgültig, ob sich die Verdächtigungen wegen Geldwäsche und
Steuerbetrugs in den nächsten Wochen bewahrheiten oder in Luft auflösen
- ein Profiteur der Clearstream-Krise steht bereits fest: Werner Seifert,
der Chef der Deutsche Börse AG.
"Die Deutsche Börse hat die Aktionäre über ihr Interesse an einer vollständigen
Übernahme informiert", sagt André Roelants, "ein konkretes Angebot liegt
aber noch nicht vor." Dass Intimfeind André Lussi jetzt ausfällt, kommt
Seifert gelegen. "Ein Schiff ohne Kapitän lässt sich einfacher kapern",
meint ein Luxemburger Bankier.